Unerwartete Stromzufuhr

Fr., 6.07.2018
Diabas-Steinbruch– Kästeklippen – Oker
Kilometer: 11,5 km

Als ich am Morgen aufwache, ist es draußen trübe, vom Brocken ist nichts mehr zu sehen. Das hätte ich nach dem sonnigen Abend nicht erwartet. Und nicht nur das, es ist unangenehm feucht-kalt geworden! Immerhin kann ich im Schutz der Hütte das Innenzelt trocken abbauen, und auch der immer wieder leicht böige Wind wird durch die Hütte von mir abgehalten.

Wo ist der Brocken und das schöne Wetter hin?
Hier war es dagegen trocken

In der Nacht war ich kurz von ein paar Wildscheinen wach geworden, die offenbar in unmittelbarer Nähe zu der Hütte durch den Wald zogen. Aber ich habe mich durch die Hüttenwände immer sicher gefühlt.
Ich überlege, was ich machen soll. Heute steht nur ein kurzer Tagesmarsch an, und das Wetter lädt auch nicht gerade zum Laufen ein. Ich baue mir in der hintersten Ecke mit Wagen und abgespannten Hemd eine kleine „warme“ Ecke, ziehe mehrere Schichten warme Kleidung an und schlummere so vor mich hin. Als ich wieder aufblicke, hat draußen auch noch ein feiner Nieselregen eingesetzt. Bäh, jetzt habe ich erst Recht keine Lust mehr weiter zu laufen! Ich hole meinen Laptop heraus und schreibe weitere Berichte. Irgendwie bin ich in den letzten Tagen etwas in Verzug geraten. Aber kein Wunder bei diesen Etappen!
Gegen 12 Uhr beschließe ich, dann doch mal weiter zu laufen. Der Nieselregen hat auch etwas nachgelassen, und auf breiten Forstwegen geht es nun durch den Fichtenwald. Meine Stimmung ist auch deutlich besser als am Abend. Der Spruch „Erst mal eine Nacht darüber schlafen“, hat sich hier mal wieder bestätigt!

Skurrile Baumwüchse bei Fichten

Ich steuere die Käste und das Kästehaus an. Von einer Tagestour vor einem Jahr weiß ich, dass es hier ganz schön ist. Außerdem gibt es hier wieder einen Stempel. Ich kratze an der goldenen Wandernadel entlang, und mich hat der Ehrgeiz gepackt mindestens die goldene Nadel aus dem Harz mitzunehmen.
Am Gästehaus angekommen, muss ich feststellen, dass dieses in der Zwischenzeit geschlossen ist.

Das Kästehaus. Leider zu

Vor einem Jahr war dieses noch offen. Schilder weisen daraufhin, dass hier gerade renoviert wird. An der Tür entdecke ich zwei Außensteckdosen. Ein Schild darüber informiert, dass hier E-Bikes und Segways aufgeladen werden können. Ich habe zwar kein E-Bike und auch keinen Segway, aber zwei Räder habe ich ja auch. Aber höchstwahrscheinlich wird die Leitung auch tot sein. Dennoch stecke ich interessehalber mein Handy an. Ein Signalton signalisiert mir: Das Laden meines Handys hat begonnen. Also damit hatte ich jetzt nicht gerechnet! Hier ist tatsächlich noch Strom darauf!

Toller Service, gute Idee wie ich finde

Ich packe daher kurzerhand meine 3er Steckdose heraus und stecke Powerbank, Laptop und Handy an. Vielen Dank an diesen tollen Service vom Kästehaus!

Strom tanken. Wäre es offen gewesen, hätte ich hier auch etwas getrunken.

Nach einiger Zeit kommt plötzlich eine Auto angefahren. Ob das wohl die Bauarbeiter sind? Nein, die Post fährt vor und leert den Briefkasten. Mitten im Wald. Laut Aufdruck jeden Tag. Ich frage den Mitarbeiter, ob das auch wirklich stimmt. Ja, teilt dieser mir mit, sie fahren jeden Tag hier hoch. Auch wenn es sich zur Zeit aufgrund der Schließung kaum lohnt.

Weg zu den Kästeklippen
Ebenfalls Weg zu den Kästeklippen

Nach drei Stunden mache ich mich langsam wieder auf den Weg. Die Klippen hatte ich mir in der Zwischenzeit auch angesehen.  Auf Forstwegen geht es nun langsam leicht abwärts, ohne jedoch stark an Höhe zu verlieren. An einem Bergbach fülle ich eine 1,5-Liter-PET-Flasche mit klarem Wasser auf und beginne, mein Hemd zu waschen so gut es geht. An einem Holzstapel hänge ich es an einen Ast, der dort hervorsteht, in die Sonne. Wäsche waschen auf einfache Art.

Trocknen im letzten Abendlicht

Nun geht es deutlich steiler den Berg hinab. Der Wagen schiebt mich von hinten kräftig an. Der Schotterweg ist jedoch kein Problem. Immer steiler geht es bergab, bis ich schließlich ab einer Kreuzung auf einen Waldweg nach links abbiege. Hier steht plötzlich ein Segway im Wald. Wer stellt denn seinen Segway in den Wald? wundere ich mich, mache mir aber keine Gedanken und laufe weiter. Kurz vor Erreichen der ersten Häuser, werde ich plötzlich von einem älteren Mann auf dem Segway überholt. Dem Segway, den ich zuvor neben dem Weg habe stehen sehen. Er spricht mich an und fragt, was ich mache und ob ich den Wagen selbst gebaut habe. Er ist völlig fasziniert und erzählt mir, dass er mit 80 Jahren vor hatte, mit dem Segway nach Berlin zu fahren. Er wollte sich einen Sponsor organisieren, der ihm alle 40 km einen neuen Akku zur Verfügung stellt und austauscht. Aber sein Sohn habe ihm davon abgeraten, erzählt er. Ich überlege: Mit 80 Jahren wollte er das machen? Wie alt muss er dann wohl jetzt sein? Vor mir steht eigentlich ein Mann, den ich auf unter 70 Jahre geschätzt hätte.
88 Jahre alt wäre er, verrät er mir, als ob er meine Gedanken erraten hätte. Ich bin baff! Da steht ein Mann neben mir – auf dem Segway wohlgemerkt – immer tänzelnd, um das Gleichgewicht zu halten, und erzählt mir mal so nebenbei, dass er schon 88 Jahre alt ist. Wahnsinn!
Und das nicht genug, erfahre ich von Schorsche wie er sich vorstellt, dass er am liebsten Offroad fährt. Er braucht Action, wie er sagt. So breite Forstwege seien nichts für ihn. Am liebsten fährt er schmale Pfade. Er hat sich dafür extra breite Stollenreifen besorgt. Und Platzwunden hatte er am Anfang auch einige, sagt er lachend. Mein allergrößten Respekt für diese Leistung!
Wir wünschen uns alles Gute und machen uns beide wieder auf den Weg. Er mit dem Segway, ich mit dem Wagen. Katharina hat in der Zwischenzeit angerufen und gefragt, wo ich stecke. Sie wird mich für die nächsten Tage wieder besuchen kommen, worauf ich mich wieder sehr freue.
Bei den Eltern einer ehemaligen Schulkameradin dürfen wir für die Nacht unser Zelt aufbauen.
Susanne und Wolfgang nehmen uns herzlich in Empfang. Da im Garten gerade auch der Sohn mit Freunden grillt, gibt es am Abend für alle Fleisch und Wurst.

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