Von Bergen und Schranken

Mo., 20.08.2018
Zentendorf – Deschka – Zodel – Ludwigsdorf – Görlitz – Hagenwerder – Leuba – Ostriz
Kilometer: 42,4 km

Die Nähe zum Fluss in Kombination mit mittlerweile kühleren Nächten haben mein Außenzelt heute Morgen in eine nasse Plane verwandelt. Ich stelle es daher vor dem Zusammenpacken erst einmal ausgiebig in die Sonne zum Trocknen. Nachdem alles verstaut ist, esse ich noch etwas am Rastplatz und marschiere los. Über Wiesenwege geht es in Richtung Deschka, immer entlang der Neiße. Die Sonne brutzelt mal wieder ganz gut vom Himmel, und Schatten findet sich hier unten kaum.

Ameisen haben über Nacht mein Rad erobert
Auf Wiesenwegen geht es voran

Ab Deschka begleite ich die Landstraße auf einem Radweg. Diesem folge ich bis Zodel. Hier gibt es die erste Einkaufsmöglichkeit bei einem kleinen Dorfladen. Ich laufe jedoch weiter und möchte später in Görlitz einkaufen gehen. Der Weg führt mich nun zurück an die Neiße. Auf kleinen schmalen Asphaltwegen wird fast jede Schleife der Neiße mitgenommen. Entsprechend lange benötige ich auch für eine an sich recht kurze Distanz.

Kleine Ortschaften schmiegen sich in die Landschaft

Während es in unmittelbarer Nähe zur Neiße noch schön flach voran geht, steigt das Gelände links und rechts langsam aber sicher immer mehr an. In der Ferne sind auch bereits die ersten „Berge“ zu sehen.

Ein Radfahrer, offenbar ein Pole, spricht mich auf Englisch an und fragt mich, wohin ich gehe und von wo ich gestartet bin. Mit dem Englisch verstehen habe ich in der Regel keine Probleme, aber mit dem selbst sprechen. Entsprechend schwer fällt es mir auch, ihm ausführlich zu antworten. Es wird daher eher eine knappe Antwort. Und als er noch wissen möchte, warum ich nicht das Rad nehme, muss ich endgültig kapitulieren. Mit etwas Zeit hätte ich da durchaus eine Antwort hinbekommen, aber so spontan bin ich überfordert. Offenbar bemerkt er meine Probleme und verabschiedet sich mit guten Reisewünschen.

Nach etlichen Schlaufen erreiche ich schließlich Ludwigsdorf, ein kilometerlanges Straßendorf mit zahlreichen Höfen links und rechts. Ein kleiner Mühlenbach begleitet mich anfangs entlang der Straße. Dank der Ortsumgehung ist hier unten im Tal kaum bis gar kein Verkehr. Dies ändert sich jedoch im letzten Drittel, als eine größere Landstraße hinzustößt. Gehwege sucht man hier vergebens! Doch die Autofahrer fahren immer mit ausreichend Abstand an mir vorbei. Und kurz vor Görlitz, nach Unterquerung der A4, steht mir dann auch ein sandiger Trampelpfad auf der rechten Straßenseite zur Verfügung.  Dieser geht wenig später in einen richtigen Gehweg über. Am Horizont sind bereits die Kirchtürme der Pfarrkirche St.-Peter-und-Paul zu erkennen.

Gehwege suche ich anfangs vergebens. Erst ab Görlitz beginnt ein staubiger Weg.

Hoch oben liegt die Kirche kurz darauf vor mir. An der Ostseite laufe ich an ihr vorbei und steige durch schmale Gassen langsam zum Untermarkt hinauf. An der Kirche angekommen, stelle ich meinen Wagen einfach in einer Ecke davor ab. Denn anders als bei allen Kirchen zuvor, gibt es hier keinen ebenerdigen Eingang. Mehrere steile Stufen muss man bis zur Eingangstür hinauf klettern. Innen erwartet mich dann ein imposanter Kirchenraum. Auffallend sind die Emporen aus Holz, sowie die Orgel. Leider bin ich einen Tag zu früh da, denn alle zwei Tage finden um 12 Uhr kurze Konzerte an der Orgel statt. Auf der Nordseite befindet sich das einzig verbliebene, bunte Glasfenster der Kirche. Alle anderen gingen 1945 bei der Sprengung der Altstadtbrücke zur Bruch. Eine Turmbesteigung ist leider nicht möglich. Zumindest habe ich nirgends Informationen dazu gefunden.

Ansichten von Görlitzer Altstadt
Weitere Ansichten
Die Pfarrkirche Sankt Peter und Paul

Nachdem ich mir die Kirche angeschaut habe, geht es zurück über den Untermarkt in Richtung Westen. Die Stadt gefällt mir sehr gut. Ich schlendere kreuz und quer und komme an einer großen Baustelle am Postplatz vorbei. Mitten durch die Baustelle fährt allerdings noch die Straßenbahn.

Hier wird schwer gebaut

Auf der Berliner Straße habe ich dann auch die Einkaufsstraße von Görlitz erreicht. Ein Laden nach dem anderen. Als ich plötzlich vor dem Bahnhof stehe, fällt mir wieder ein, dass ich noch zu einem Supermarkt gehen wollte. Nach einem Blick auf der Karte gehe ich daher in Richtung Nordwesten. Dort angekommen, wird erst mal ordentlich eingekauft. Meine Laune ist seit dem Morgen wieder im Keller, seit ich bemerkt habe, dass ich immer weiter abnehme. Jetzt kommt alles Kalorienreiche in den Einkaufswagen, ob es nun gesund oder ungesund ist. Hauptsache, ich stabilisiere mein Körpergewicht! Ich fühle mich an sich fit, auch frühere, gesundheitliche Probleme vor der Reise sind verschwunden, seit ich unterwegs bin. Aber wenn ich so an mir herunterschaue, frage ich mich zunehmend, ab wann sportlicher Ehrgeiz ungesund sein wird! Ich habe im Vorfeld meiner Reise alle möglichen Abbruch-Szenarien im Geiste durchgespielt. An ein Abbrechen aufgrund von Untergewicht, habe ich jedoch nicht gedacht. Dabei scheint sich dieses Szenario mittlerweile noch am ehesten zu bewahrheiten. Wenn ich das Problem nicht in den Griff bekomme, steht die Fortführung der Reise so langsam aber sicher wirklich auf der Kippe! Vielleicht sollte ich mir aber auch einmal die Meinung eines Mediziners einholen. Es ist gut möglich, dass ich das zu dramatisch ansehe.

Nachdem ich am Zoo von Görlitz noch ein paar Flyer eingepackt habe, geht es durch ein großes Schrebergartenviertel hinauf in den Wald. Dort mache ich erst mal Pause und esse etwas. Auf der Karte habe ich mir mein Etappenziel für heute angesehen: Der Berzdorfer See. Weit ist der ja nicht mehr! Vielleicht laufe ich doch noch weiter in den Süden. In Ostritz gibt es einen Steinbruch mit See und Hütte.

Über schmale Waldwege geht es entlang eines kleinen Baches in Richtung Osten, bis ich nach Unterqueren einer Bahnlinie in einem Wohnviertel lande. Hier stoße ich auch wieder auf den Neiße-Radweg, dem ich ab nun wieder nach Süden folge.

Auf schmalen Wegen durch den Wald

Anfangs noch an der Bundesstraße, verlässt der Radweg nach dem Ortsende von Görlitz die Straße und führt östlich davon durch ehemaliges Tagebaugebiet. Auch der Berzdorfer See ist ein Überbleibsel davon. In Polen erheben sich nun mit jedem Kilometer in Richtung Süden immer mächtigere Berge. Und hier kann man nach einem Blick auf der Karte wirklich von Bergen reden, denn, wie die Karte zeigt, sind diese zum Teil über 1000 m hoch.

Auch an einem Baggersee geht es vorbei

Auch links und rechts der Neiße wird die Landschaft immer hügeliger, der Vorgeschmack für die nächsten Wochen und Monate. Bei Leuba wird mir plötzlich der Weiterweg durch Schranken versperrt. Ein Pferdehof hat hinter dem Damm seine Koppeln, und um die Pferde sicher vom Hof auf die Koppeln zu treiben, wurden diese Schranken installiert. Sehr praktisch! Ich komme mit der Hofbesitzerin ins Gespräch. Die Schranken hätten sich beim Bau des Damms ergeben. Früher waren diese nicht notwendig, erklärt sie mir. Doch nun teilt der Damm und der Radweg den Hof von der Koppel. Sie fragt, wo ich zu so später Stunde noch hin möchte, und ich gebe grob das Kloster St. Marienthal an. Es gibt ja hier auf der Strecke keine Campingplätze. Die Hofbesitzerin stimmt mir zu. Ja, das sei ihnen auch schon aufgefallen. Sie gibt mir noch ein paar Tipps, wo ich alternativ noch Zimmer finden könne, falls ich es nicht mehr nach St. Marienthal schaffen sollte. Außerdem möchte sie wissen, wie man auf die Idee kommt, durch Deutschland zu laufen. Ich erkläre ihr die Zusammenhänge. Sie findet es toll und wünscht mir eine gute Weiterreise.

Die Schranken sind zu…
…die Pferde kommen

Mittlerweile ist es nach 19 Uhr. In etwas mehr als einer Stunde wird es dunkel werden. Ich überlege, ob ich wirklich noch bis zum Steinbruch laufen soll, oder mir besser unten an der Neiße ein Plätzchen suche. Doch mein Ehrgeiz treibt mich wieder voran. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, dann möchte ich es auch erreichen. Es sind ja auch nur noch 2 km! Und so komme ich kurz darauf in Ostritz an. Doch nun steht erst noch die eigentliche Herausforderung vor mir. Denn der Steinbruch liegt oben am Hang. Ein Schild mit Hinweis auf 15 % Steigung macht auch gleich mal eine Ansage, was mir bevorsteht. Na, hoffentlich finde ich dann da oben auch einen super Platz, denke ich mir und mache mich an den Anstieg.

Damit ich wenigstens weis worauf ich mich einlasse

Oben angekommen, habe ich einen tollen Blick nach Polen. Doch zahlreiche Autos in der Nähe des Steinbruchs kündigen bereits an, dass ich hier nicht allein bin. Und es kommt kurz darauf noch besser: Am Steinbruch angekommen, teilt mir ein großes Schild mit, dass dieses Gelände Pachtgelände des Angelvereins ist, und Baden und Zelten verboten. Zahlreiche Angler am Ufer sitzen auch noch da und werden höchstwahrscheinlich auch so schnell nicht gehen. Tja, was nun? Ich laufe entlang des Sees und schaue, ob es irgendwo noch Alternativen für mich gibt. Doch bald wird es dunkel! Drumherum sind nur Acker und Weiden. Ich umrunde den See und stelle dabei fest, dass der See mittlerweile tief unter mir liegt. Klar, ein Steinbruch eben! An der Ostseite des Sees, mit bestem Blick hinunter nach Ostritz habe ich die Schnauze voll! In unmittelbarer Nähe zu einer Kuhweide baue ich mein Zelt auf und wasche mich grob mit Wasser aus der Flasche. Auch einen Bericht schreibe ich nicht mehr. Ich will nur noch in meinen Schlafsack hinein und schlafen!

2 Gedanken zu “Von Bergen und Schranken”

  • Da du deine Mahlzeiten ja noch nicht teilen wolltest, hier mal ein Vorschlag. 😉
    Frühstück: 300g Müsli mit zusätzlichen Früchten + 3,5% Milch.
    Mittag: 400g Brot, Wurst, Käse + Gemüse + Kekse als Nachtisch.
    Abend: 250g Nudeln, Soße + Gemüse + Kekse + Gummibären als Nachtisch.
    Geht natürlich gesünder, aber auch ungesünder. Damit sollte es doch hinhauen dass du auf Dauer nicht besorgniserregend Abnimmst, sonst evtl. son Supergetränk von Starbucks zwischen schieben, die haben bis zu 1200 kcal haben wir gerade gesehen….

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