Dürre, vermeintliche Liebesgeschichten und ein Bahndamm

So, 17.6.2018
Hankensbüttel – Wentorf – Wollerstorf – Stöcken – Erpensen – Rade – Haselhorst – Ohrdorf – Zasenbeck – Radenbeck
Kilometer: 27,8 km

Nachdem der Start meiner Reise immer wieder verschoben wurde, und ich schon Gefahr lief nicht mehr ernst genommen zu werden mit meinem Projekt, ging es heute dann tatsächlich los. Um Punkt 8 Uhr verabschiedete ich mich von den letzten Arbeitskollegen und meiner Partnerin Katharina am Tor des Otterzentrums und machte mich auf den Weg gen Osten. Ich weiß nicht, ob es normal ist, dass man unmittelbar vor so einer lang geplanten Reise in ein regelrechtes Loch fällt. Bei mir war es aber der Fall. Hatte ich monatelang auf den Tag hingefiebert, in meiner Phantasie schon zahlreiche Kilometer abgelaufen, jetzt, wo es plötzlich konkret wurde, war da plötzlich nur noch Skepsis. Hält der Wagen, wo soll ich übernachten, und überhaupt was machst du da eigentlich?
Zum Glück hielt dieser Zustand nicht mal 500m an.

Es kann los gehen

Knapp 30 kg hingen da hinter mir an meiner Hüfte. Davon zu spüren war jedoch kaum etwas. Einzig eine bei jedem Schritt an den Hintern stoßende Deichsel ließ Unmut aufkommen. Irgendwas stimmt da doch nicht. Also angehalten und feststellen müssen, da hat jemand den Hüftgurt falsch herum eingehängt. Nach Korrektur, oh Wunder, plötzlich eine sanfte Fahrt. So kann es weiter gehen.
An völlig verdorrten Wiesen und zeitgleich saftigen Kartoffelfeldern – der intensiven Bewässerung der Landwirte sei Dank – geht es immer weiter Richtung Osten.

Vertrocknete Wiesen entlang einer Allee

Anfangs auf Asphaltsträßchen, dann auf Sand und Kieswegen geht es nördlich an Wittingen vorbei.

Sandwege durch Felder

Plötzlich bekommt die Dürre eine ganz neue Dimension, als am Wegrand auf einem Stromkasten eine Rippe auftaucht. Fallen gleich die Geier über mich her? Nein, in diesem Fall hab ich nochmal Glück gehabt. Die Rippe wird wohl ein Landwirt auf seinem Feld gefunden haben und dort abgelegt haben.

Eine Rippe oder Teile einer Wirbelsäule?

Hinter Rade und dem ersten Wald-Abschnitt, taucht plötzlich der Hinweis auf, dass es hier zur Grenzmauer geht.
Die ehemalige Deutsch-Deutsche Grenze ist erreicht. Ein ehemaliges Stück Mauer und etwas, das aussieht wie ein Turm in Miniaturformat erinnert an die dunklen Kapitel unserer Geschichte.

Hier geht es zur Grenze

Reste der Mauer bei Rade

Wechsel nach Sachsen-Anhalt

Auf dem ehemaligen Grenzweg geht es nun in Richtung Süden.
Plötzlich taucht vor mir auf einer der Betonplatten ein Herz auf. Vertrocknetes Moos, wie sich heraus stellt. Ob sich hier zu DDR-Zeiten ein Liebesdrama abgespielt hat? Oder ein Zeichen der Freude nach Öffnung der Grenze? Ich grübele so vor mich hin, da taucht plötzlich das nächste Herz vor mir auf. Seltsam.
Spätestens mit dem dritten Herz dämmert es mir so langsam. Hier waren keine Verliebten am Werk, hier handelt es sich schlichtweg um in den Boden eingelassene Haken für den Transport der Betonplatten. Durch den Wald sind diese mit Moos bewachsen.

Liebesdrama, Freude über Maueröffnung oder was anderes?

Ich folge dem Grenzweg durch einen Kieferwald und lande in Haselhorst. Hier entscheide ich mich, Sachsen-Anhalt wieder zu verlassen und ziehe Richtung Ohrdorf weiter. Ich erhoffe mir hier an der Raiffeisen-Tankstelle, meinen Wasservorrat aufzufüllen. Doch die Tankstelle entpuppt sich als ein Automat. Das war wohl nichts.
An der ehemaligen Ohretalbahnlinie – viel ist davon nicht mehr übrig – geht es nun weiter Richtung Südosten auf Feldwegen nach Zazenbeck. Hier finde ich auf dem Weg ein seltsames Besteck. So wirklich kann ich es nicht zuordnen und lege es neben dem Weg auf einen Stahlträger. Vielleicht weiß jemand anderes, was das ist.

Was das wohl ist?

Kurz vor Radenbeck komme ich zu einer neuen Erkenntnis. Wenn ich die Deichsel tiefer einstelle, ist der Wagen noch weniger spürbar.
Mittlerweile ist es 17 Uhr geworden und Zeit, sich einen Schlafplatz zu suchen. Mein Favorit ist die parallel verlaufende, stillgelegte Bahnlinie. Da kann ich mir sicher sein, auf keinem Privatgrund zu übernachten und sehen wird mich da auch keiner. Zwischen Getreidefeld und Rüben finde ich schließlich den perfekten Platz. Gut versteckt durch Büsche und Steilhänge links und rechts, baue ich mein Zelt auf.

Zeltplatz auf ehemaligen Bahngleisen

Da ich mich für Autofahrer noch in einem näheren Umkreis zum Startpunkt befinde, rufe ich Katharina an und teile ihr meinen Standort mit. Um den Abschied nicht zu hart werden zu lassen, hatten wir vereinbart, dass sie mich, so lange es noch machbar ist, am Abend besucht und mit im Zelt übernachtet.
Und so steht auch wenig später Katharina mit Schlafsack und dem restlichen Essen vom Vortag vor mir. Gegen Abend, wir liegen bereits im Zelt, ist in unmittelbarer Nachbarschaft das Schreien eines Rehs zu hören. Wir vermuten, dass irgendwo ein Rehkitz liegt und die Mutter mit ihm kommuniziert.

3 Gedanken zu “Dürre, vermeintliche Liebesgeschichten und ein Bahndamm”

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