Regen! 

Sa., 21.07.2018
Schmira – Erfurt – Roter Berg – Gispersleben – Kühnhausen – Elxleben – Walschleben – Ringleben – Gebesee
Kilometer: 42,2 km

Ich wache kurz nach 5 Uhr auf und schaue in ein behaartes Gesicht. Ich weiß nicht, wer sich mehr erschrocken hat. Der Fuchs, der nur ein 1 m von meinem Zelt entfernt neugierig durch das Fliegennetz in mein Innenzelt lugt, oder ich, der auf diesen Anblick nun wirklich nicht vorbereitet ist. Mit großen Sprüngen verschwindet er im angrenzenden Feld. Ich drehe mich hingegen noch einmal um und döse bis 6 Uhr weiter.

Nachdem ich all meine Sachen zusammengepackt habe, geht es kurz vor 7 Uhr auf sandigen Feldwegen nach Erfurt. Entlang der Gera und durch eine Parklandschaft nähere ich mich dem Ortszentrum. Durch kleine Gassen bahne ich mir einen Weg zum Dom und werde enttäuscht. Vor dem Dom wurde eine große Bühne aufgebaut und Autos stapeln sich auf der Domtreppe. Die Vorbereitungen für die Erfurter Festspiele sind wohl im Gange. Aber durch die Spiele bleibt mir ein unverbauter Blick auf den Dom leider verwehrt.

Treppe und zugleich Bühne

Ich schlendere durch die Gassen von Erfurt und stelle fest, dass hier offenbar das Geld vorhanden ist, das in Gotha fehlt. Die Stadt kann sich echt sehen lassen, und trotz der Größe hat sie ihren Charme behalten.

Ansichten von Erfurt

Kreuz und quer laufe ich durch die Altstadt. Meine Strategie, früh morgens hier zu sein, hat sich als richtig herausgestellt. Nach und nach füllen sich die Gassen, und für mich ist damit die Zeit gekommen, weiter zu gehen.

Noch mehr von Erfurt
Schönes altes Tor

Ich folge dem Gera-Radweg durch kleine Parks und Grünstreifen Richtung Norden. Immer wieder wurden Umleitungen eingerichtet. Der Grund sind Renaturierungsarbeiten an der Gera.

Auf der Höhe des Zoos von Erfurt, verlasse ich die Gera und mache einen Abstecher zum Zoo. Ich möchte dort Zoopläne für Katharina mitnehmen. Das Viertel vor dem Zoo wirkt wenig ansprechend und macht den Eindruck eines sozialen Brennpunktes. Aber man kann sich da auch manchmal täuschen!

Zurück geht es wieder an die Gera. Weiter durch kleine Landschaftsparks und an Sportplätzen vorbei.

Oder noch besser: Laufen lassen!

In Gispersleben verlasse ich die Gera, und es geht durch Wohnviertel und an einem Schrebergarten entlang unter der A71 hindurch. Hier stoße ich auf eine Renaturierungsmaßnahme im Zuge des Ausbaus der A71. Eine von Hecken und Wildwiesen geprägte Landschaft, unterbrochen von Absenkungen, in denen in nasseren Jahren sicherlich kleine Tümpel entstehen.

Renaturierungsflächen entlang der Autobahn

In Kühnhausen biege ich auf einen recht neuen asphaltierten Radweg  Richtung Elxleben ab. Nach einigen Kilometern überholt mich ein Jogger. Hält an, stoppt seine Stoppuhr und fragt mich, was ich so vorhabe und wo es heute noch hin geht. Ich erzähle ihm von meiner Reise und dass ich heute noch bis Gebesee laufen möchte, wo ich eine Einladung erhalten habe.
Er ist von meiner Reise sehr begeistert, und meint, an seinem Wohnort wäre ich ja schon vorbeigekommen, sonst hätte er mich auch eingeladen. Er erzählt mir, dass sein Sohn mit Freunden von Erfurt in einer Woche an die Nordsee gelaufen ist. Beachtliche Leistung! Er wünscht mir viel Erfolg, und wir verabschieden uns.
Nach einiger Zeit kommt er mir wieder entgegen. Ich grüße, er hält erneut seine Stoppuhr an und kommt zu mir. Er hat noch eine Frage: Ob ich meine Erlebnisse als Newsletter per E-Mail versenden werde, oder einen Internetauftritt habe. Ich gebe ihm daraufhin meine Visitenkarte. Er möchte noch wissen, wohin es die nächsten Tage weiter geht. Ich sage, dass ich vor habe, nach Leipzig weiter zu laufen.
In Leipzig wohnt sein Sohn, erzählt er mir. Er würde sich mal mit ihm in Verbindung setzen und abklären, ob ich dort vorbei kommen kann. Ob er mich auch unterstützen dürfe, will er wissen, holt seinen Geldbeutel hervor und drückt mir 50 € in die Hand. Ich kann mein Glück kaum fassen! Wahnsinn! Für mich sind auf meiner Reise 50 € ein Vermögen!
Er möchte schon weiter, da frage ich ihn, wie denn sein Name wäre. Er zückt daraufhin ebenfalls eine Visitenkarte. Nochmal vielen, vielen Dank, Herr Bernhardt, für diese großartige Unterstützung!!!

Immer noch geplättet von dieser Begegnung ziehe ich weiter. Kurz nach Elxleben setzt leichter Regen ein. Ein immer grauer werdender Himmel hatte diesen bereits angekündigt. Aber er ist dermaßen unergiebig, dass ich nicht mal meine Regenkleidung herausholen muss. Man hat das Gefühl, die Tropfen verdunsten, bevor sie richtig den Boden berühren.

Über einen Damm geht es die letzten Kilometer im leichten Regen nach Ringleben. Vorbei an hoch aufgetürmten Strohballen. Teilweise in gefährlicher Schräglage.

Es wird immer grauer und es setzt leichter Regen ein
Strohberge
Immer weiter auf dem Damm

In Ringleben entdecke ich direkt am Radweg einen trockenen Unterstand mit Tischen und Bänken. Da es erst 16 Uhr ist, und ich mich meinen Gastgebern für 17/18 Uhr angekündigt hatte, beschließe ich, hier Rast zu machen und im Trockenen den Bericht vorzubereiten. Mir ist es wichtig, die Zeit mit meinen Gastgebern zu verbringen und mich auf sie einzulassen anstatt dort nur am PC zu sitzen. Nachdem ich durch den Harz um einige Berichte zurücklag und bei Jaqueline und Mauritz eine Menge nachholen musste, hat es mich im Nachhinein sehr geärgert, dass ich dort so viel am Laptop saß. Ich habe mich dort zwar auch unterhalten können, aber ich möchte dennoch in Zukunft darauf achten, dass es in dieser Dimension nicht mehr auftritt.

Nach ca. einer Stunde, ich bin fast fertig, kommt ein Mann mit großem Hund vorbei. Ich schaue wie immer kurz auf und grüße, will den Blick schon wieder senken, um mich wieder auf meinen Laptop zu konzentrieren, da spricht mich der Mann plötzlich an. Ob ich der Markus sei und auf Wanderschaft? Ich bin völlig perplex! Zwar steht auf meinem Wagen auf dem Plakat klein „Markus auf großer Tour“, aber das kann man vom Damm aus niemals lesen. Mir dämmert es daher langsam, wer da vor mir steht. Das kann nur Jens sein, mein heutiger Gastgeber.

Ich muss lachen und freue mich sehr. So klein ist die Welt. Was für ein Zufall! Jens erzählt mir, dass er mit dem Hund, den er mir als „Hunter“ vorstellt, hier immer Gassi geht und er diesen nun in der Gera schwimmen lassen möchte. Ich soll ruhig meinen Blog weiter machen, er käme sowieso gleich wieder vorbei.

Ich weiß nicht, ob Ihr das auch kennt, aber mir begegnen manchmal Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe, demnach auch nicht kenne, und trotzdem auf Anhieb sympathisch empfinde. Genau dieses Gefühl habe ich bei Jens, und dieses verdichtet sich auch, als ich mit ihm zusammen den Weg weiter nach Gebesee laufe.

Er erzählt mir, dass er beruflich viel unterwegs ist, zum Teil weltweit. Er untersucht den Boden, macht Bohrungen und erstellt Gutachten. Hauptbaustellen sind Tunnel, Häuserbau, Brücken, und vieles mehr. Seine entfernteste, aber auch interessanteste Baustelle war in Südamerika, wo auch sein Chef mitflog. Dieser spendierte ihm und sich auch einen Ausflug zum Titicacasee. Dazu wurde kurzerhand ein Taxifahrer angeheuert, der sein Glück erst gar nicht fassen konnte. An der Baustelle war ein riesiger Salzsee, der spiegelglatt ist, und der durch seine Helligkeit bei Menschen ohne entsprechenden Schutz innerhalb kürzester Zeit Augenschäden verursacht.

In der Zwischenzeit haben wir Gebesee erreicht und das Haus von Nadja und Jens. Nadja empfängt mich ebenfalls herzlich.  Ich fühle mich sofort wohl bei den beiden.
Nadja hatte mich eingeladen, nachdem sie meinen Beitrag über die Reise im Wetterforum gelesen hatte, in dem wir beiden angemeldet sind.

Als ich mein Navigationsgerät abschalte, denke ich im ersten Moment, es hat sich aufgehängt. 42,2 km? Das kann doch niemals sein. Doch Jens meint, nachdem er meinen letzten Übernachtungspunkt in Erfahrung bringt, dass dies sehr wohl sein kann. Hinzu kommt der Abstecher zum Zoo. Damit hatte ich nicht gerechnet, zumal ich recht früh Gebesee erreicht hatte. Ich war allerdings auch schon sehr früh unterwegs und hatte im Prinzip kaum Pausen gemacht.

Nachdem ich geduscht habe, wirft Jens den Rost an. Es gibt Thüringer Rostbratwürste, Schaschlikspieße, und Rostbräterl.

Am Essenstisch sitzen wir bis spät in die Nacht und unterhalten uns über alle möglichen Themen. Jens erzählt mir von ornithologischen Führungen, die er an der Schule für die Schüler angeboten hat. Diese wurden sehr gerne von den Kindern angenommen. Leider wurde das Programm von der Landesregierung von einem Tag auf den anderen eingestellt. Absolut unverständlich! Die beiden schwärmen von Kroatien, erzählen von der Bora, den Erlebnissen mit den Einheimischen. Interessant sind auch ihre Erfahrungen aus der ehemaligen DDR. Wie sie sich bei Grenzöffnung auf das Motorrad gesetzt haben und hinüber nach Westdeutschland gefahren sind. Egal wohin. Und letztendlich mitten in der Nacht in Eschwege gelandet sind, wo es eine große Party gab.

Nadja und Jens sind sich allerdings beide einig, die Grenzöffnung hat Ihnen nur Vorteile gebracht. Zwar ist die DDR wirklich sehr kinderfreundlich gewesen, aber besser war sie definitiv nicht. Es gab halt einige Privilegierte, meint Jens. Für die mag das Leben in der DDR angenehmer gewesen sein. Aber für das einfache „Fußvolk“ nicht. Reisen nach Jugoslawien beispielsweise wurden auch nur ausgewählten  Personen gestattet, meist linientreuen und regierungsnahen Bürgern.

Jens erzählt von einem Ausflug nach Moskau, wo im Hotel penibel darauf geachtet wurde, dass Ostbürger nicht mit Westbürgern in Kontakt kamen. Dazu wurden die Etagen entsprechend belegt und auch durch das Personal scharf bewacht.

Bei seiner Arbeit kommt Jens auch häufig mit dem Gipskeuper in Kontakt und war deswegen auch schon in meiner Heimat bei Stuttgart wegen Stuttgart21. Überhaupt ist Jens ziemlich häufig weit und lange unterwegs. Daher können sich die beiden auch gut in Katharinas und meine Situation hinein versetzen, da es ihnen oft ähnlich ergeht. Nadja arbeitet zwar in derselben Firma wie Jens als Zeichnerin, aber bleibt damit eher stationär bei Erfurt.

Irgendwann kurz nach halb zwei merke ich, dass ich zu müde werde, um mich noch länger aufmerksam konzentrieren zu können. Wir gehen daher zu Bett. Ich bin mir aber sicher, ansonsten hätten wir noch stundenlang weiter gesessen und uns unterhalten.

 

2 Gedanken zu “Regen! ”

  • Wow, Glückwunsch zum ersten Marathon, genau 42,2 km! Wie lange bist du denn da gelaufen? Ich denke mal sicherlich 7-8 h, oder? Wie sehen denn deine Schuhe aus, wie lange halten die noch durch?

    • Acht Stunden kommen da schon hin. Die Schuhe, weiterhin meine Laufschuhe von Adidas mit Continental-Sohle, sehen weiterhin super aus. Minimaler Abrieb im vorderen Drittel. Zu 95% benutze ich auch nur noch diese.

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