Hitzetag und eine ordentliche Abkühlung

Di., 24.07.2018
Wendelstein – Memleben – Wangen – Nebra – Reinsdorf – Steigra – Kalzendorf – St. Micheln – Mücheln
Kilometer: 35,9 km

Als ich am Morgen aufwache, ist das Innenzelt von innen und außen nass. So hoch ist die Luftfeuchtigkeit direkt am Fluss. Ich räume daher das Zelt leer und trage es in die Sonne zum Trocknen. Beim Einpacken in den Packsack, sehe ich neues Unheil auf mich zukommen. Am Hüftgurt beginnt eine der Laschen einzureißen. Das Gegenstück, der Gurt zum Wagen sieht ebenfalls nicht mehr gut aus. Letzteres lässt sich durch den Kauf eines Neuen relativ schnell und kostengünstig regeln, aber die Lasche am Hüftgurt bereitet mir Kopfzerbrechen. Wie soll ich sie nur stabilisieren? Etwas drüber nähen klappt nicht. Dazu ist sie zu dicht an der Naht gerissen. Da muss ich mir in den folgenden Tage bis Leipzig einmal ein paar Gedanken machen. Irgendwas wird mir schon einfallen!

Das könnte sich noch zu einem Problem entwickeln

Um kurz nach 7 Uhr mache ich mich auf den Weg und betrete nur 10 Schritte weiter Sachsen-Anhalt. Thüringen werde ich erst in einigen Wochen wieder sehen.

Nachdem ich keine weitere Beschilderung mehr finde, suche ich mir meinen eigenen Weg entlang eines Flutgrabens Richtung Memleben. Dort angekommen, sehe ich auch den legalen Biwakplatz direkt an der Unstrut. Ein Radler hat hier über Nacht sein Zelt aufgebaut. Wenn ich am Vortag nicht schon so viel gelaufen wäre, hätte ich mich hier auch hingestellt.

Der Flutgraben mit Blick Richtung Westen

Obwohl es erst kurz nach 7 Uhr ist, brennt die Sonne heute besonders heftig herab. Man spürt, dass es heute richtig heiß werden wird. Etwas Probleme bereitet mir auch der rechte Fuß. Hier scheint sich wieder eine Blase bilden zu wollen. Es war wohl doch etwas zu viel am Vortag!

Nach Durchqueren von Memleben geht es wieder an der Unstrut entlang nach Wangen, leider in praller Sonne! Unterwegs gibt es jede Menge Obst. Teilweise reif, teilweise nicht. Ich habe jedoch mehr mit den Temperaturen zu kämpfen. Hoffentlich kommt bald einmal Schatten!

Die Hänge links und rechts sind mittlerweile deutlich näher an die Ufer gerückt. Stellenweise sieht es aus wie im Odenwald. Ich komme am Biwakplatz von Wangen vorbei. Dieser hat sogar ein Plumpsklo und einen Grillplatz. Edel, edel! Aber leider nicht mein Etappenende.

In Nebra wird gerade die alte Brücke abgerissen. Riesige Stahlträger werden von Baggern zerschnitten und aufeinander gestapelt. Die neue Brücke nebenan steht schon, und so komme ich den Berg hinauf nach Nebra. Die berühmte Himmelsscheibe von Nebra schaue ich mir nicht an. Das Museum scheint an einer anderen Stelle zu sein, und, um ehrlich zu sein, ist mir dafür das Geld zu schade. Wie sie aussieht, weiß ich sowieso.

Ich beschließe, noch dem Marktplatz einen Besuch abzustatten, vielleicht ist der Ortskern ganz schön. Doch so wirklich sehenswert ist er nicht! Es wird zudem ein Krämermarkt abgehalten, alles ist mit Buden zugebaut.

Könnte auch ein Haus aus der Bretagne sein

Als ich an einem Stand vorbeikomme, werde ich von den Standbetreibern angesprochen. Wo es hin geht, und wo ich heute gestartet bin, wollen sie wissen. Ich gebe die gewünschte Auskunft und löse damit offenbar bei umstehenden Passanten Interesse aus. Eine ältere Frau will wissen, ob ich wirklich alles zu Fuß mache. Ich bestätige dies. Und das bei dieser Hitze, meint die Frau besorgt. Sie fängt an, in ihrem Geldbeutel zu kramen und drückt mir 2 € in die Hand. “Kaufen Sie sich etwas zu Essen”, fordert sie mich auf. Ich bedanke mich, und frage mich in dem Moment, ob ich wohl so dürr aussehe, dass mir nun schon ältere Frauen besorgt Essensgeld in die Hand drücken.

Am Friedhof von Nebra fülle ich gerade meine Flaschen wieder auf, da kommt ein Mann zielgerichtet auf mich zu. Er glaube nicht, dass dies Trinkwasser ist, gibt er mir zu verstehen. “Nicht, dass Sie noch krank werden!” fügt er hinzu. Ich bedanke mich für den Hinweis, bin mir jedoch zu 100% sicher, dass es Trinkwasser ist. Ich stehe nämlich die ganze Zeit auf dem kleinen Schachtdeckel der Stadtwerke, der sich unmittelbar neben dem Hahn befindet.

In einem Supermarkt erfülle ich artig den Wunsch der alten Dame und kaufe mir einen großen Wurstsalat und mehrere Brötchen. Dazu noch das, was ich ohnehin holen wollte.

Ich will gerade gehen, da spricht mich vor dem Supermarkt ein älterer Mann an. Wo heute die Wanderschaft hingehe, will er wissen. Ich erkläre ihm, dass ich das so genau noch gar nicht wüsste. Meine Richtung sei Leipzig, und anvisieren würde ich die Seen östlich von Mücheln. Aber ob ich da bei der Hitze jedoch wirklich ankomme, stehe noch in den Sternen.

Er erzählt mir, dass er früher LKW-Fahrer war, allerdings noch zu DDR-Zeiten. Daher sei er auch viel herumgekommen. In der DDR, meint er, wäre man auch nicht verhungert. Es gab zwar vieles nicht, aber was man nicht kannte, konnte man auch nicht vermissen. Zudem hätte man gerade auf dem Dorf viel eigenes Gemüse angebaut, auch etwas Viehzeug gehalten und war somit gar nicht so sehr von Supermärkten abhängig. Er würde dennoch die Zeit nicht zurückdrehen wollen, denn die ganzen Vorteile mit der Wiedervereinigung wolle er nicht missen.

Auch heute mit dem Euro fühle er sich wohl. Es wird aus seiner Sicht viel zu sehr übertrieben und gejammert, wenn es um den Euro gehe. Seine Rente würde jedenfalls immer wieder steigen und sich somit eventuellen Preiserhöhungen anpassen.

Nach dem Gespräch geht es für mich auf einem sandigen Wiesenweg hinab ins Tal. Dort treffe ich auf den nächsten Biwakplatz und beschließe, hier eine längere Pause einzulegen. Es ist zwar erst 11 Uhr, aber ich brauche nur noch Schatten. Außerdem habe ich Lust auf den Wurstsalat, solange der noch schön kühl ist. Mit den Brötchen löffele ich Stück für Stück den Salat leer und denke dabei an die alte Frau, die mir diesen im Prinzip ermöglicht hat. Herzlichen Dank!

Kurz darauf nicke ich mit dem Kopf auf meinen Armen auf der Tischplatte ein. Wach werde ich von einem Kanu, das sich flussaufwärts nähert. Ein Mann ist mit seiner Tochter auf einem Ausflug und macht kurz darauf am Biwakplatz halt. Ich mache den beiden am Tisch Platz und beschließe kurz darauf, auch weiter zu ziehen. Heraus aus dem Schatten in die glühende Hitze! Und für mich kommt es richtig hart. Denn ich muss zur Mittagshitze an einem Südhang zwischen Weinreben den Berg hinauf.

Doch zuerst folge ich dem Unstrut-Radweg noch nach Reinsdorf. Dort verlasse ich diesen und komme im Ortskern an einer Schwengelpumpe vorbei, mit einem Schild, dass wohl die wenigsten jungen Leute noch kennen. Denn hier steht nicht wie bei allen Brunnen, Hähnen, usw. „Kein Trinkwasser“, nein, hier steht „Trinkwasser“.

Trinkwasser

Meine Flaschen sind jedoch noch voll, daher laufe ich daran vorbei. Nach Überqueren der Bahnlinie, geht es kerzengerade in der Sonne den Berg hinauf. Ich biege jedoch recht bald nach rechts ab und überquere den Hang mehr oder weniger auf einer Höhe. Zum Glück gibt es hier immer wieder Sträucher, die etwas Schatten werfen. Noch besser ist jedoch der Wind, der hier weht.

Da hinten muss ich hoch.

In der Ferne sehe ich vor dem Viadukt der neuen ICE-Strecke eine hohe Staubwolke aufsteigen. Im ersten Moment denke ich an Mähdrescher, die man zur Zeit überall arbeiten sieht. Aber dann realisiere ich, dass es sich bei der Wolke um einen gigantischen Staubteufel handeln muss. Der Staubschlauch ist bestimmt über 100 m hoch und zieht am Horizont über das große Feld. Was muss das für ein Anblick sein, wenn man daneben steht. Leider ist er so weit von mir entfernt, dass ich keine Bilder davon machen kann.

Kurz darauf beginnt nur wenige Meter von mir entfernt ein weiterer Staubteufel, sich zu bilden. Er hält jedoch nur wenige Sekunden durch und erreicht auch nur eine Höhe von 3 m. Schade, wieder kein Bild!

An Weinreben vorbei  – die hier alle eingezäunt sind – geht es nun sehr steil den Berg hinauf. Doch ich habe wieder Glück, denn ich bin mehrheitlich im Schatten. Dennoch läuft mir, oben angekommen, die Brühe nur so ins Gesicht. Die Augen brennen, und ich bin froh, als ich im Schatten mich etwas frisch machen kann. Aber immerhin bin ich nun oben!

Teilweise wilde Wege, aber dafür auch Schatten
Weinreben gibt es hier auch. Müsste ein guter Jahrgang werden bei der vielen Sonne

Entlang einer Landstraße geht es nach Steigra und weiter nach Kalzendorf. Hier weisen mich hinter dem Ort Schilder daraufhin, dass hier ein Durchgang nicht gestattet sei.  Bahngelände. Nur für Fahrzeuge der Deutschen Bahn und landwirtschaftlichen Verkehr gibt es freie Fahrt. Ja, wie jetzt? Laut meiner Karte geht aber genau da der Weg entlang. Und auch der Pilgerweg führt hier entlang. Ich beschließe, mich daher über das Wegeverbot hinwegzusetzen. Ich frage mich sowieso, was die Bahn hier mitten auf dem Acker will.

Das bekomme ich nur wenige Meter später dann auch präsentiert. Denn tief in einem Graben, kommt hier die ICE-Strecke aus einem Tunnel. Vom Ortsrand ist davon absolut nichts zu sehen. Da hat man den Eindruck, bis zum Horizont gibt es nur Felder. Ich umrunde das Loch vor mir und beobachte einen ICE, der angerast kommt und im Tunnel verschwindet. Nur kurz darauf wird er auf dem Viadukt über das Unstrut-Tal erscheinen.

Gut getarnt, aber dennoch recht laut!

Im weiteren Wegverlauf komme ich an einigen Windrädern und natürlich jeder Menge Getreide vorbei. Ich bin froh, dass ich mal wieder im Schatten eines Baumes Rast machen kann.

Alter Wasserturm. Wasser könnte ich jetzt auch gebrauchen

Die letzten Kilometer geht es entlang einer frisch asphaltierten Straße nach St. Micheln. Zum Glück gibt es hier kaum Verkehr. Ich bin dennoch ganz froh, in das hübsche Tal absteigen zu können und hier meine Ruhe zu haben. Laut Karte hat St. Micheln mehrere Quellen. Doch leider sind es alles Karstquellen und nicht zum Trinken geeignet. Aber das Tal gefällt mir dennoch ausgesprochen gut. Immer am glasklaren Bach entlang geht es weiter nach Mücheln. Hier darf ich im Jugendclub meine Wasserflaschen wieder auffüllen. Endlich wieder kaltes Wasser! Mein Wasser in den Flaschen, bzw. das verbliebene, ist nämlich schon warm wie Tee.

Abstieg in ein hübsches Tal

Unter der Bahnlinie und Straße hindurch, erreiche ich den Geiseltalsee und bin geplättet. Was für ein toller Anblick! Der Geiseltalsee ist einer der größten künstlichen Seen in Deutschland und durch einen stillgelegten Tagebau entstanden. Heute ist es ein tolles Freizeitgelände, denn zahlreiche Wander-, und Radwege führen um ihn herum. Dazu kann man in ihm baden.

Was für ein Anblick. Nein, nicht Schweden. Deutschland!

Ich suche mir daher eine stille Bucht nur für mich und werfe mich sogleich ins glasklare Wasser. Was tut das gut! Ich beschließe, hier die Nacht zu verbringen und baue später mein Zelt auf. Dies auch nur wegen der Stechmücken. Sonst hätte ich wieder unter freien Himmel geschlafen.

Kleine Bucht für mich ganz allein
Das Wasser glasklar

Der Kontrast meiner Haut wird auch immer extremer!

Zum Abschluss noch eine schöne Abendstimmung am See

2 Gedanken zu “Hitzetag und eine ordentliche Abkühlung”

  • Warum sind die Karstquellen nicht zum Trinken geeignet?
    Hoffe, du überstehts die Hitzewelle gerade gut, bist ja gerade da, wo Deutschland am heißesten ist

    • Hallo Thorsten, nach meinem Kenntnisstand sollte man das Wasser von Karstquellen nicht trinken, da dieses zu wenig gefiltert wird und aufgrund des umliegenden Gesteins auch eine zu hohe Härte hat. Inwieweit diese Information aber korrekt ist, kann ich nicht sagen. Mir war es daher zu heikel. Im konkreten Fall kam noch hinzu, dass man im Quelltopf ein Kneippbecken angelegt hat, in dem kleine Kinder unter Aufsicht der Eltern badeten.
      Zur Hitze: Ja, die macht mir schwer zu schaffen. Hoffentlich kühlt es bald ab. Sechs Liter Wasser oder noch mehr sind aktuell keine Seltenheit.

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