Kampf mit dem inneren Schweinehund

Fr., 17.08.2018
Halbersdorf – Kromlau – Gablenz – Bad Muskau – Krauschwitz – Sagar – Skerbersdorf
Kilometer: 24,4 km

Meine Idee auf dem Campingplatz einmal schön auszuschlafen, geht natürlich in die Hose! Die Sonne lässt es bereits um 8 Uhr im Zelt unerträglich werden. Ich versuche, so lange es noch geht, mit dem Laptop die Berichte anzufertigen. Doch spätestens um 9 Uhr räume ich den Platz. Ich halte es hier in der Sonne nicht mehr aus! Zumindest alles, was Strom braucht, ist wieder aufgeladen.

Ich gebe an der Rezeption meine Zeltnummer ab, die mich als zahlenden Gast identifiziert, und lasse noch eine Visitenkarte da. Dann geht es auf dem Radweg weiter nach Osten. Die Sonne kündigt bereits einen neuen Hitzetag an. Ich frage mich, wie lange diese Wetterlage noch anhalten möchte.

Zwischen Wiesen führt mich der Radweg entlang des Halbendorfer Sees. Auch kleine Kiefernwäldchen werden durchquert. An einer kleinen Landstraße halte ich mich nach links und erreiche nur wenig später die Landstraße nach Weißwasser, der ich nach rechts folge….

Offenbar wieder eine ehemalige Bahnstrecke

… jedoch nicht weit, denn mein Ziel ist Kromlau mit dem Rhododendronpark. Dazu verlasse ich die Landstraße nach wenigen 100 m wieder nach links und folge einem kleinen Sträßchen Richtung Norden durch Kiefernwald, um mich an der querenden Landstraße nach rechts zu halten. Die Straße wurde offenbar vor kurzer Zeit saniert, denn überall liegt Rollsplitt. Außerdem gibt es viel Verkehr für diese kleine Straße. Doch die Autofahrer halten beim Vorbeifahren immer ausreichend Abstand. Immer weiter geht es entlang der Straße durch den Kiefernwald, mal leicht ansteigend, dann geht es wieder bergab. Schließlich habe ich die Ausläufer des Rhododendronparks erreicht und kann die Landstraße auf einem abbiegenden Wanderweg verlassen. Nach und nach mischen sich immer mehr Rhododendren unter die Kiefern. Im späten Frühjahr, wenn hier die Rhododendren blühen, muss es hier richtig toll aussehen. Aber selbst jetzt hat die Landschaft ihren Reiz.

Der Rhododendronpark Kromlau ist erreicht

Schließlich habe ich das richtige Parkgelände erreicht, und ausgedehnte Rhododendrenflächen breiten sich vor mir zwischen den Bäumen aus. Kleine schmale Sandwege führen durch dieses dichte Unterholz. Doch mein eigentliches Ziel habe ich noch nicht erreicht. Dieses versteckt sich etwas abseits an einem leider abgelassenen See zwischen Basaltsäulen: Die berühmte Rakotzbrücke! Fast jedem Landschaftsfotografen ist sie ein Begriff. Derzeit wird sie saniert, und das Gelände ist weitläufig mit Bauzaungittern eingezäunt. Auch der kleine See führt kaum noch Wasser. Leider sind es meist die Fotografen selbst, die für diesen Schutzwall verantwortlich sind. Denn für das beste Motiv lassen manche Fotografen Models auf die Brücke klettern, obwohl dies aufgrund der alten Bausubstanz untersagt ist. Mir ist ein solches Verhalten schleierhaft. Für mich hat der Besuch der Brücke heute auch keinen fotografischen Hintergrund. Erstens kam ich zur falschem Jahreszeit und zweitens zur falschen Uhrzeit. Für gute Bilder kommt man am besten früh morgens im Herbst, oder zur Rhododendrenblüte im späten Frühjahr, wobei hier an der Brücke kaum Rhododendren stehen. Doch was macht die Brücke zu so einem besonderen Motiv? Es ist der See, der bei ausreichend Wasser die Brücke perfekt spiegelt und sich durch die Bauform der Brücke ein perfekter Ring bildet.

Zahlreiche Rhododendren bilden eine dichte Heckenlandschaft unter den Kiefern
Die bekannte Rakotzbrücke. Trotz wenig Wasser ist der sich bildende Ring im Ansatz erkennbar

Für mich lag die Brücke einfach auf der Strecke. Außerdem kann ich mir so für zukünftige Besuche schon einmal das Gelände anschauen! Nachdem ich an der Brücke eine kurze Pause eingelegt habe, geht es für mich weiter. Nur wenige 100 m von der Brücke entfernt, verlasse ich den Park wieder und betrete offenes Feld. Die ersten Häuser von Gablenz sind auch nicht mehr weit. Zwischen den Häusern geht es hinab in den Ort. Hier steht eine Kirche, die ich hier so nicht erwartet hätte! Mit ihrer Zwiebelform hätte ich sie eher Bayern zugeordnet. Gablenz verlasse ich auf einer kerzengeraden Straße in Richtung Bad Muskau. Zahlreiche Obstbäume säumen den Radweg entlang der Straße. Nachdem ich an einem Kreisverkehr eine Tankstelle und einen großen Parkplatz überquert habe, geht es hinab nach Bad Muskau. Hier kaufe ich mir erst einmal in einem Supermarkt etwas zu essen, um mich anschließend in den schönen Park von Bad Muskau zurückzuziehen. Dieser verläuft entlang der Neiße und verbindet Polen mit Deutschland. Man kann in ihm also länderübergreifend flanieren.

Der Park von Bad Muskau. Ein länderübergreifener Landschaftspark. Bestandteil des Unessco Weltkulturerbe
Weg durch eine gigantische Strauchkastanie. Bzw. eigentlich sind es mehrere.

Mitten drin steht das Schloss „Fürst Pückler“. Leider steht zu meinem Zeitpunkt die Sonne so schlecht, dass ich es nicht frontal aufnehmen kann.

Das Schloss Fürst Pückler
Blick aus dem Schloss
Links Deutschland, am anderen Ufer Rechts liegt Polen. Dazwischen die Neiße.

Ich verlasse den Park in Richtung Süden, laufe an der Neiße und somit an der polnischen Grenze in Richtung Krauschwitz. Der Neiße-Radweg führt mich im Zick-zack quer durch schöne Kiefernwälder. Dabei sind auch einige Anstiege zu bewältigen. Plötzlich wird mir einmal wieder der Weg versperrt: Wegen einer Baustelle ist der weitere Verlauf des Radwegs gesperrt, und man soll der Umleitung folgen. Nach einem Blick auf die Karte beschließe ich jedoch, den Weg bis zur Baustelle weiter zu laufen. Denn laut Karte zweigt von dort noch eine Stichstraße ab. Wenn ich Pech habe, beginnt die Baustelle schon vor der Stichstraße, dann muss ich eben zurücklaufen. Meine Strategie geht auf, und ich komme ohne Probleme zur Stichstraße, der ich bis nach Sagar folge.

Mein Weg entlang der Neiße Richtung Süden
Mal wieder ist mein Weg versperrt. Ich laufe jedoch bis zur Baustelle.
Und biege hier nach rechts ab. Weg an der Straße gespart.

Ich habe mir so einige Meter Straßenverkehr erspart. Als ich in Sagar ein Schild zur Radlerklause finde, beschließe ich, diese zu besuchen. Mein Trinkwasser neigt sich dem Ende, und vielleicht kann ich hier meine Flasche wieder auffüllen. Als ich gerade auf dem Hof eintreffe, kommt von Süden eine Radlerin mit Gepäck angefahren und stöhnt angesichts der Hitze schwer. Ich spreche sie an, und wir kommen kurz ins Gespräch. Sie ist auf dem Neiße-Radweg unterwegs und hat heute vor, bis nach Bad Muskau zu fahren. Die Hitze macht ihr jedoch schwer zu schaffen. Mittlerweile ist auch die Besitzerin der Radlerklause aus dem Haus getreten und fragt nach unseren Wünschen. Ich frage sie, ob es hier die Möglichkeit gäbe, mein Trinkwasser aufzufüllen. Kein Problem! antwortet sie, und verschwindet mit meiner Flasche im Haus, um sie mir kurz darauf wieder in die Hand zu drücken. Die Radlerin hat sich mittlerweile hingesetzt und bestellt sich etwas zu trinken. Ich bedanke mich und verabschiede mich von den beiden. Doch weit komme ich nicht. Keine 100 m weiter, bleibe ich an einer Werbetafel der Radlerklause stehen. 25 € für eine Übernachtung im Zimmer, dazu WLAN und Dusche! In meinem Kopf baut sich eine Vision auf. Ich, in einem eigenen kühlen Zimmer, auf einer Matratze liegend. Dazu Strom, WLAN und Wasser, soviel ich möchte, gemütlich an einem Tisch die Berichte schreibend. Ich versuche noch, mit Argumenten dagegen zu halten, dass dieses Geld für Lebensmittel bis nach Dresden reichen würde. Doch mein innerer Schweinehund hat gewonnen! Ich drehe um und laufe zurück zur Pension. Die Radlerin staunt, als sie mich plötzlich wieder auftauchen sieht. Ich lache und meine zu ihr, spontane Ideen wären ja meist die Besten und ich möchte einmal anfragen, ob die Klause noch ein Gästezimmer frei hat. Das wäre eine gute Idee, das soll ich mal machen, findet die Radlerin. Als die Wirtin wieder in der Tür erscheint, schaut sie mich verdutzt an. Ich denke, Sie sind auf dem Weg Richtung Skerbersdorf, meint sie zu mir. Ich erkläre ihr von meiner spontanen Idee, und dass mich ihre Werbetafel unten am Radweg sehr angesprochen hätte. Doch sie muss mich leider enttäuschen: Sie ist über das Wochenende ausgebucht. Ach richtig, es ist ja Freitag! Mir fehlt einmal wieder völlig das Zeitgefühl. Nun gut, dann geht es eben doch weiter. Ich verabschiede mich erneut von den beiden und marschiere den Neiße-Radweg weiter.

Wieder jede Menge Kiefernwald und dazwischen ein Asphaltband

Durch den Kiefernwald geht es erneut im Zick-zack hoch und runter. Immer wieder stehen kleine Schutzhütten am Wegrand. An der ehemaligen Skisprungschanze von Sagar – ja, so etwas gab es! – bleibe ich erneut unschlüssig stehen. Eine große Hütte, mit viel Platz zum Unterstellen meines Zeltes, steht hier im Wald. Sogar eine Toilette ist vor Ort. Ich überlege hin und her. Ein Handyempfang ist faktisch nicht vorhanden. Katharina würde sich große Sorgen machen, wenn ich mich nicht mehr melde und sie mich nicht mehr erreicht. Ich beschließe daher, weiter zu ziehen. Zur Not laufe ich die Strecke eben wieder zurück, nachdem ich Katharina Bescheid gegeben habe. Während ich so weiter laufe, mache ich mir Gedanken, warum mich mein Bauch heute immer wieder zu Gebäuden mit festen Dächern führt bzw. drängt. In Sagar dachte ich ja noch, es sei die Träumerei eines Wanderreisenden, aber mittlerweile frage ich mich, ob mein Instinkt mich nicht eher vor etwas bewahren möchte. Wie schon einmal in einem anderen Beitrag angedeutet, haben sich meine Bauchentscheidungen oft als die Richtigen erwiesen. Die Luft ist mittlerweile zum Zerschneiden, es weht kein Lüftchen mehr und am Himmel brauen sich am Horizont dunkle Wolken zusammen. Es sieht gewittrig aus. Ist es vielleicht das? Steht für die Nacht noch ein Gewitter an? Ich werde es bald wissen.

Doch mittlerweile habe ich Skerbersdorf erreicht. Laut Karte und auch Wirtin in Sagar, gibt es hier ein Freizeitgelände, auf dem man sein Zelt aufbauen kann. Als ich dort ankomme, herrscht mächtiger Betrieb. Überall wird aufgebaut, und ein Festzelt sowie mehrere Buden deuten auf eine wohl bald stattfindende Feier hin. Ich marschiere kurzerhand zu einer Truppe Männer an dem Tresen einer Getränkebude. Maik, einer der Männer, begrüßt mich freundlich, und ich komme mit ihm ins Gespräch über meine Reise. Er erzählt mir, dass sie vor einigen Jahren einen älteren Mann auf dem Platz hatten, der entlang der deutschen Grenze unterwegs war. Davon hatte mir auch schon die Wirtin in der Radlerklause erzählt. Ich frage mich ja, ob das zufälligerweise der Wanderer aus dem Harz war, von dem mir die zwei älteren Männer bei Blankenburg schon erzählten. Falls ja, so ist er mittlerweile verstorben.

Ich kann gerne bleiben, die Veranstaltung findet erst am Samstag statt. Es sei eine große Gaudi mit Rutsche ins Schwimmbad und Band. Maik bietet mir ein frisch gezapftes Bier an. Sie würden es hier mit einer Brause trinken, aber ich könne es auch pur haben. Ich entscheide mich für den Mix. Ich überlege spontan, hier länger zu bleiben als nur eine Nacht. Das Fest am nächsten Tag interessiert mich sehr! Nachdem ich geduscht habe, schreibe ich am Schwimmbad sitzend den neuen Bericht. Anschließend setze ich mich noch zu den anderen an die Biertische. Von Maik erfahre ich, dass sie noch vor einiger Zeit mit einer starken Abwanderung junger Leute zu tun hatten. Doch mittlerweile sieht die Arbeitssituation besser aus, und es bleiben auch wieder junge Leute hier. Das Freizeitzentrum ist mittlerweile der Anlaufpunkt nicht nur von den Skerbersdorfern, sondern auch der umliegenden Gemeinden. Ein Schwimmbad haben noch die wenigsten Orte hier. Wir kommen auf das Thema “Wölfe” zu sprechen. Hier in der Gegend stehen die meisten dem Thema negativ gegenüber, berichtet er mir. Es sind einfach mittlerweile zu viele Wölfe geworden, und es gibt immer mehr Probleme.

Einer der Männer am Tisch, offenbar ein Jäger, erzählt, dass ein Kollege am Tag mit einem Hund von einem ganzen Rudel Wölfe eingekesselt worden ist. Keine 50 m von ihm entfernt standen sie plötzlich dem Kollegen gegenüber und begannen sich im Halbkreis um diesen zu verteilen. Nur ein Schuss in die Luft ermöglichte ihm die Flucht. Doch er ist der Meinung, dass die schlauen Tiere so nur lernen, dass auch ein Schuss nichts Gefährliches für sie darstellt. Eigentlich müsste mindestens ein Tier in so einer Situation fallen, damit auch ein Lerneffekt eintritt, ist seine These. Ein Hund eines Jägers wurde von einem Wolf im Wald gerissen, erzählt er. Im Nachhinein konnte man anhand der Spuren im Sand feststellen, dass der Hund vom Wolf bereits über 2 km unbemerkt verfolgt worden war.

Wir verabschieden uns, und ich gehe nachdenklich ins Zelt. Dass der Wolf in einer dicht besiedelten Region irgendwann zu Konflikten führt, war absehbar. Ich komme aus den Bundesländern, in denen das Thema noch völlig unbekannt ist. Ein Wolf ist dort eher eine Sensation. Aber hier leben die Menschen bereits seit mehreren Jahren mit den Tieren zusammen. Und diese vermehren sich offenbar gut. Ich frage mich, ob es eines Tages nicht doch noch zu Angriffen von Wölfen auf Menschen kommt, weil sie aufgrund der Dichte am Ende keinen Platz und kein Futter mehr finden.

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