Morgendliche Herausforderungen und der Wasserwechsel

Sa., 15.09.2018
Ehrenberg – Kloster Vessra – Themar – Henfstädt – Leutersdorf – Vachdorf – Belrieth – Einhausen – Obermaßfeld-Krimmenthal – Untermaßfeld – Sülzfeld – Hermannsfeld – Völkershausen – Ostheim vor der Rhön
Kilometer: 43,3 km

In der Nacht wache ich auf und wundere mich im Halbschlaf, warum die ganze Zeit eine Kuh so laut schreit. Aber endlich realisiere ich, dass es sich hierbei um keine Kuh handelt, sondern um Hirsche, die irgendwo am Waldrand röhren!

Als ich am nächsten Morgen erwache, habe ich einen wunderschönen Blick aus meinem Zelt! Erfreut stelle ich außerdem fest, dass das Außenzelt nur minimal feucht ist. Ich packe daher schon um 7 Uhr meine Sachen zusammen und genieße den Ausblick ins Tal mit den sich verändernden Farben. Mein Außenzelt hänge ich in der Zwischenzeit an einen Kirschbaum in die Sonne.

Tolle Aussicht vom Übernachtungsplatz aus

Um kurz nach 8 Uhr bin ich bereits abreisebereit. Über die Weide gehe ich wieder hinunter zu den Wohnhäusern. Beim Aufstieg war mir ein verwildertes Grundstück aufgefallen, auf dem sehr viele Zwetschgen wachsen. Ich beschließe, dort noch einmal nachzuschauen und einige Zwetschgen einzupacken. Diejenigen, die ich gestern probiert hatte, waren alle wurmfrei und sehr gut reif!

Nachdem ich mir einen Beutel voll geerntet habe, wandere ich durch kleine Gassen durch Ehrenberg. Auf meiner Karte hatte ich am Abend einen Wanderweg durch ein Tal hinab zum Kloster Vessra entdeckt. Ich hatte gestern noch überlegt, ob ich die Strecke noch absteigen solle, mich aber dann dagegen entschieden.

In Ehrenberg finde ich schließlich den Einstieg in das Tal. Ein Wegweiser weist den Weg außerdem als Wanderweg aus. Steil steige ich auf wildem Kopfsteinpflaster zwischen zwei mit Bäumen bewachsenen Hängen hinunter zu einer Wiese, auf der Kühe grasen.

Es geht hinab zu einer Kuhweide

Irgendwie sieht der Weg kaum genutzt aus! Stellenweise habe ich das Gefühl, der Pfad vor mir wird nur von Kühen genutzt. Aber er führt mich immer weiter in nun sanftem Gefälle durch das hübsche Tal. Was mich jedoch die ganze Zeit irritiert, sind Weidezäune zu meiner linken Seite und zahlreiche alte Kuhfladen links und rechts des Weges. In der Schweiz und im Allgäu ist es üblich, dass Wanderwege über Weiden führen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, mich verirrt zu haben. Trotzdem folge ich dem Weg immer weiter. Immer wenn ich denke, es geht nicht mehr weiter, führt doch noch ein schmaler Pfad durch ein Heckendickicht, und ich stehe auf der nächsten Weide, die hier terrassenartig am Hang angelegt sind.

Tunnelartige Hecken

Links von mir fließt ein kleiner Bach durch das Tal. Nach einiger Zeit erreiche ich eine Betonbrücke, die über diesen Bach führt. Hier sind aber nun Litzen eingehängt. Ich entscheide mich, weiter dem Pfad vor mir zu folgen und stehe schließlich direkt an der Werra auf einer Weide.

Immer weiter auf dem schmalen Pfad

Und hier geht es nun gar nicht mehr weiter: Ich bin in einer Sackgasse gelandet! Aber auf der anderen Seite des Baches sehe ich einen Pfad, der in einem Wald verschwindet. Das bedeutet, dass ich zurück zur Betonbrücke und dann die Seite wechseln muss. Das mache ich dann auch. Ich hänge die Litzen aus, fahre hindurch, und hänge sie wieder ein. Kühe sind weit und breit nicht zu sehen. Entlang des Baches gehe ich nun wieder bergab, anfangs über die von Kühen durchgepflügte Wiese, kurz darauf auf einem Pfad. Als ich den vermeintlichen Wald erreiche, stelle ich fest, dass es sich wieder nur um eine größere Baumgruppe handelt. Dahinter kommt noch einmal eine Weide. Doch bevor ich diese erreiche, muss ich eine regelrechte Suhle mit dem Wagen überwinden. Offenbar ist der Boden hier bei Feuchtigkeit sehr morastig, und die Kühe haben mit ihrem Gewicht entsprechende Spuren hinterlassen. Durch die Trockenheit ist der Bereich aber ausgehärtet und uneben. Als ich die Weide an der Werra erreicht habe, stehe ich schon wieder vor einem Weidezaun und mit Dickicht dahinter. Das gibt es doch nicht! Wo ist nur der verdammte Weg? Heißt das wirklich, dass ich den kompletten Weg nach Ehrenberg zurücklaufen muss? Darauf habe ich keine Lust! Ich schnalle den Wagen ab und beschließe, auf die nächstgelegene Etage zu klettern. Dazu muss ich allerdings knapp 15 m Höhenunterschied überwinden, und es geht hier fast senkrecht den Berg hinauf. Auf allen Vieren ziehe ich mich den Hang hinauf, halte mich an jeder Wurzel fest, die ich ergreifen kann. Loses Laubwerk, das zum Teil 40 cm hoch liegt, macht das Vorankommen nicht einfacher! Und das alles passiert mir mit meinen abgelatschten Schuhen! Oben stelle ich fest, dass hier ein Tampelpfad in den Wald führt, die Weide hier zu Ende ist. Ich habe also große Chancen, dass es sich hierbei nun wirklich um den Weg auf meiner Karte handelt. Aber wie komme ich mit dem Wagen hier hoch? Entweder muss ich einen großen Umweg machen, oder ich steige irgendwie den Hang hoch. Ich rutsche im Laub zurück zum Wagen und beschließe, den direkten Aufstieg zu wagen. Genau am Weidezaun entlang ziehe ich den Wagen hinter mir her. Wieder nutze ich jede Wurzel, jeden Stein und jedes noch so dünne Bäumchen, um mich daran festzuhalten. Mehrfach werde ich von dem Wagen wieder ein Stück zurückgezogen. Es ist jedenfalls kein Strom auf der Litze, denn der Wagen hängt mehrmals daran, ohne dass ich einen Stromschlag abbekomme. Irgendwie habe ich es dann tatsächlich nach oben geschafft! Mein Herz hämmert, ich habe das Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein!

Auf Bildern mal wieder unscheinbar: Da kam ich auf allen Vieren hoch!

Mit dem Wissen, dass auf ihnen kein Strom ist, schiebe ich den Wagen unter den Litzen hindurch und klettere selbst hinten nach. Auf einem kleinen Weg geht es nun in den Fichtenwald hinein. Er ist teilweise etwas zugewachsen, aber ich komme voran. Leicht abfallend führt mich der Weg oberhalb der Werra in Richtung B89. Doch schließlich habe ich das nächste Hindernis vor mir: Zwei Fichten liegen quer über dem Weg, so dicht, dass ein Durchkommen unmöglich ist. Rechts geht es steil den Berg hinab, links über eine steile Stufe den Berg hinauf. Na, also heute möchte es mir jemand aber schwer machen! Ich packe meinen Wagen, ziehe ihn die etwa 80 cm hohe Abbruchkante hinauf und umfahre vorsichtig den Wurzelteller. Auf der anderen Seite schnalle ich mir den Wagen wieder um und laufe weiter. Mal sehen, was mich noch erwartet! Eine weitere umgestürzte Fichte erwartet mich nur wenige Minuten später. Diese ist jedoch unter dem Stamm soweit frei, dass ich den Wagen darunter durchschieben kann. Und wenige Augenblicke später stehe ich auf der Bundesstraße. Ha! Ich fühle mich großartig! Über eine Stunde habe ich für den kurzen  Abschnitt gebraucht, aber ich habe es geschafft!

An der Kreuzung biege ich nach rechts ab und laufe zum Kloster Vessra. An der Türe hängt ein Schild, dass dieser Ort nach irgendwelchen Paragraphen Nazis und anderen rechtsgerichteten Personengruppen nicht als Veranstaltungsort zur Verfügung steht. Ich mache ein paar Fotos und überlege, ob ich das Kloster besichtigen soll. Aber ich habe nach der letzten Anstrengung keine Lust mehr dazu! Im Internet suche ich nach Informationen über das Kloster und finde dabei auch den Grund für den Zettel am Tor: Vor einiger Zeit hat ein regional sehr bekannter Nazi ein Gasthaus auf dem Klostergelände aufgekauft. Dem ehemaligen Eigentümer war dies nicht bewusst, und als der Verkauf getätigt war, wurde die Gemeinde erst hellhörig, wer da eigentlich Grund und Boden erworben hatte. Seitdem gibt es einen Rechtsstreit, da die Gemeinde ihr Vorkaufsrecht geltend machen möchte.

Ich verlasse das Kloster Vessra steil ansteigend auf einem Teerweg. Dieser geht jedoch schnell wieder in ein sanftes Gefälle über und führt mich so nach Themar. Durch den Ortskern laufe ich weiter an der Werra entlang, nun die meiste Zeit im Tal und auf flachen Wegen.

Haus in Themar
An der Werra
Viele Schafe grasen hier

Kurz vor Henfstädt geht es dann mal wieder den Berg leicht hinauf. Im Ort laufe ich an einer hübschen alten Kirche vorbei. Von außen sieht man durch die Fenster eine schöne alte hölzerne Empore. Aber leider ist die Kirche geschlossen. Ich hätte sie mir gerne einmal von innen angesehen!

Leider geschlossen!

Weiter gehe ich auf schönen Asphaltwegen entlang der Werra. Heute ist mal wieder ein Tag, an dem ich mich kugelrund essen könnte. Denn links und rechts des Weges wachsen viele Obstbäume, hauptsächlich Apfelbäume, deren Früchte oft zu Hunderten am Boden liegen. Es gibt aber auch Zwetschgen und Birnen. Ich reiße mich jedoch zusammen und werde nur gelegentlich einmal schwach.

Der ist so groß, ich konnte nicht mal abbeißen, weil ich meinen Mund nicht so weit öffnen konnte.
Hier ein ganz normaler Anblick

Vor allem über die Birnen freue ich mich! Denn bisher waren alle Birnen, die ich gefunden habe, immer ungenießbar bzw. es hing an den Birnenbäumen gar nichts dran. Doch hier an der Werra hängen sie wie im Bilderbuch! Eine Familie ist mit den Rädern unterwegs, macht immer wieder Stopp an den Obstbäumen und erntet ein paar Früchte. Immer wieder laufe ich an ihnen vorbei, bis sie mich wieder überholen. Als ich zum dritten Mal an ihnen vorbeikomme, und sie gerade an den Zwetschgen stehen, sage ich lachend, dass sie ja nun bald ihren Obstsalat zusammen haben. Die Eltern müssen lachen und stimmen mir zu. So ein gutes Jahr haben sie noch nicht erlebt. Und auch ich muss gestehen, eine solche Obstschwemme wie in diesem Jahr noch nicht gesehen zu haben.

Kurz nach Vachdorf überholt mich ein Ehepaar auf den Rädern. Kurz darauf machen sie Pause, und ich hole sie wieder ein. Wir kommen ins Gespräch über meine Reise. Sie sind beeindruckt, und ich gebe ihnen eine Visitenkarte. Als sie mich vor dem Autobahnviadukt der A71 wieder einholen, wünschen sie mir alles Gute.

Das Autobahnviadukt zerschneidet das Tal
Aus zwei mach eins

In Einhausen halte ich am Friedhof an und fülle meine Flaschen wieder auf. Das Wasser kommt aus einem Hahn und schmeckt normal. Daher kaufe ich kurz darauf in Grimmenthal auch keine weiteren Getränke ein. Doch  kurz vor Untermaßfeld bekomme ich plötzlich Bauchschmerzen. Oha, das wäre ja das erste Mal auf der Reise, dass ich ein Wasser nicht vertrage. Aber vielleicht ist es auch Zufall, und es liegt an dem vielen Obst, das ich heute schon gegessen habe! Mir ist es mit dem Wasser dennoch zu heikel. Ich kippe eine Flasche wieder aus.

Kurz vor Meiningen biege ich in ein Seitental ab. Erst geht es steil bergauf. Aber nach nur wenigen 100 m führt mich der Radweg auf einer Höhe durch das schöne Tal nach Sülzfeld. Als ich die Sülze überquere, treffe ich nach 200 m zwei Männer beim Gespräch. Ich frage sie, ob man hier im Ort irgendwo Wasser bekommen kann. Ja natürlich, ist die Antwort des einen Mannes. Direkt an der Brücke der Sülze befinde sich eine kräftige Quelle. Da könnte ich Wasser holen. Wenn mir das zu heikel wäre, könnte ich aber auch von ihm Leitungswasser haben, bietet er mir an. Ich bedanke mich, und versuche es dann doch erst mal mit Quellwasser. Ich laufe daher zurück zur Sülze und steige hinab zu dem Betontrog, in den ein kräftiger Strahl Wasser plätschert. Auch links und rechts sprudelt das Wasser aus der Wand. Ich dachte beim Vorbeigehen vorhin, es sei das Wasser der Sülze. Ich kippe auch die zweite Flasche aus und befülle beide Flaschen mit Wasser. Als ich bei dem Mann wieder vorbeikomme, bedanke ich mich noch einmal für den Tipp und laufe weiter den Berg hinauf nach Hermannsfeld. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick ins Tal.

Blick zurück ins Tal

Als ich die kleine Flasche ansetzen möchte, um zu trinken, fallen mir plötzlich grüne Algen an der Flasche auf. Der Betontrog war ziemlich veralgt, vielleicht bin dran gekommen, denke ich mir. Ich versuche die Algen wegzuwischen, stelle jedoch fest, dass sich diese in der Flasche befinden. Okay…! Irgendwie werde ich skeptisch! Sagen Algen nicht etwa aus, dass das Wasser stark stickstoffhaltig ist? Von irgendetwas müssen diese sich ja auch ernähren. Jetzt habe ich hier zwei Flaschen frisches Wasser, und am Ende ist dieses doch nicht trinkbar? Ich habe noch knapp 1 Liter Leitungswasser. Aber wird mir das ausreichen? In Hermannsfeld frage ich daher einen Anwohner, ob der Brunnen vor seinem Haus trinkbares Wasser liefert. Er antwortet mir, das könne ich ohne Bedenken trinken. Das Wasser sieht auch klar aus, und das Becken ist ebenfalls algenfrei. Ich fülle eine meiner Flaschen wieder auf, die andere belasse ich. Meine Güte, so kompliziert war das ja noch nie! Und am Ende war alles harmlos! Meine Bauchschmerzen sind mittlerweile auch wieder verschwunden.

In Hermannsfeld geht es leicht bergan zum Wald. Oben habe ich die Landesgrenze von Thüringen erreicht. Der bekannte Kolonnenweg führt hier durch den Wald. Ich bleibe jedoch auf der Straße und laufe nach Bayern hinein. Leicht geht es bergab.

Bayern-Thüringen

Als ich auf eine große Lichtung trete, habe ich den ersten Blick auf die Berge der Rhön. Durch Völkershausen marschiere ich hindurch und dann immer weiter abwärts durch ein schmales Tal. Nachdem ich die Sulz überquert habe, steige ich wieder zwischen Ackerflächen den Berg hinauf.

Komposition Mensch-Natur

Irgendwo hier möchte ich mir einen Platz suchen. Doch zu meiner rechten Seite stehen zahlreiche Warnbaken. Der Bereich rechts der Straße ist wegen einer angesetzten Treibjagd gesperrt. Es besteht Lebensgefahr durch Schusswechsel! Okay, dann versuche ich es eben auf der linken Seite. Hier finde ich schließlich am Acker zwischen Eschen eine freie Stelle für mein Zelt. Während ich im Zelt meinen Bericht schreibe, lausche ich der Partymusik eines Festes in Ostheim vor der Rhön.

Abendstimmung in Bayern
Blick von meinem Zeltplatz

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