Herbstfärbungen und jede Menge Asphalt

So., 07.10.2018
Unterbalbach –Edelfingen – Bad Mergentheim – Igersheim – Markelsheim – Elpersheim – Weikersheim – Laudenbach – Haagen – Vorbachzimmern – Niederstetten
Kilometer: 33,7 km

Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Nachdem mich gegen 2 Uhr ein Hustenanfall aus dem Schlaf gerissen hat, bin ich entsprechend müde und würde mich am liebsten wieder umdrehen. Aber dann werde ich kaum vom Fleck kommen.

Nachdem wir gefrühstückt haben, bringen mich meine Eltern auf der A81 wieder in den Norden. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt stehe ich schließlich wieder in Unterbalbach an der Stelle, an der sie mich vor etwas mehr als einer Woche eingesammelt haben. Im Gegensatz zum letzten Mal ist das Wetter heute bestens, und mein Gesundheitszustand ist auch deutlich besser geworden.

Ich verabschiede mich von meinen Eltern und winke ihnen noch hinten nach, dann geht es durch ein Wohngebiet zum Tauber-Radweg. Ich möchte mich auch auf diesem Weg noch einmal für Eure Unterstützung bedanken! Ihr habt mir damit sehr geholfen!

Ich bin wieder im Tauber-Tal

Auf asphaltiertem Weg geht es zwischen Streuobstwiesen und Feldern in Richtung Süden. Auffallend ist eine deutlich erkennbare Herbstfärbung. Das war vor einer Woche definitiv noch nicht so bunt hier. Kurz vor Edelfingen muss ich meinen Wagen abschnallen. Ich habe scheinbar deutlich mehr Gewicht auf dem Wagen, denn die Deichsel hängt minimal zu tief. Ich wickele den Gummizug einmal um den Griff und hänge ihn wieder am Hüftgurt ein. So passt es. Was noch nicht passt, ist der Bereich um die Achse: Hier schleift seit dem Ausladen immer wieder eine Falte des Packsacks am Rad. Schon mehrmals habe ich die Falte umgelegt und zurückgedrückt, doch scheinbar ohne Erfolg. Als ich in Edelfingen die B290 überquere und meine Jacke ausziehe, schaue ich erneut nach dem Rad. Wieder schiebe ich die Falte des Packsacks zurecht. Offenbar habe ich den Sack in Backnang anders gepackt als sonst. Ich überprüfe meine Arbeit und bin zufrieden: Mal sehen, wie lange ich nun Ruhe habe!

Auf dem Radweg gehe ich parallel zur Bundesstraße nach Bad Mergentheim. Kurz vor dem Ortsbeginn verlässt der Radweg die Bundesstraße und führt in ein Wohngebiet. Über dieses gelange ich schließlich nach Überqueren der Tauber in die Innenstadt von Bad Mergentheim. Nachdem ich einige Bilder von den schönen Fachwerkhäusern gemacht habe, laufe ich durch das ehemalige Schloss der Stadt in den Schlosspark. Zickzack führt mich der Weg an die Tauber. Nachdem ich diese überquert habe, wandere ich entlang der Bahnlinie in Richtung Osten, vorbei an einem großen Parkplatz mit Wohnmobilstellplätzen.

Impressionen von Bad Mergentheim
Da war wohl früher der Name Programm 😉
Blick auf die hier ruhige Tauber

In Iggersheim wechsele ich mal wieder die Flussseite, und auf weiteren schmalen Asphaltwegen gehe ich nach Markelsheim. Der kleine Weinort liegt – wie soll es auch anders sein – an steilen Weinhängen an der nördlichen Talseite. Mit ihrer idealen Südausrichtung liefern diese sicherlich gute Weine. Hier sind nun auch im Weinberg erste punktuelle Herbstfarben zu erkennen. Noch eine Woche, und der Hang wird mit grünen, gelben und roten Farben nur so strahlen.

Immer wieder wird die Tauber überquert
Der Weinort Markelsheim ist erreicht
Erste Farbtupfer sind im Hang erkennbar

Ich wechsele mal wieder die Flussseite, und auf weiteren Asphalt-Straßen führt mich der Weg nach Elpersheim. Mittlerweile bemerke ich deutlich, dass ich seit über einer Woche nicht mehr unterwegs und zudem krank war: Ich habe stellenweise das Gefühl, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen, so langsam komme ich mir vor! Hinzu kommen die neuen Schuhe, die nach dem Ausflug ins Strümpfelbachtal nun richtig gefordert werden. Sie sind sehr bequem, aber mir fällt die im Vergleich zu den Adidas-Schuhen sehr feste Sohle auf. Auf den Asphaltpisten kann sie ihre Wirkung nicht so richtig entfalten. Entsprechend schnell spüre ich heute meine Füße. Hier war der Laufschuh mit seiner sehr weichen Sohle im Vorteil. Dafür haben die neuen Schuhe in anderen Bereichen einige Vorteile gegenüber den alten Schuhen.

Wieder mal Seitenwechsel

In Elpersheim steht bereits der nächste Wechsel der Flussseite an. Das ist ja heute wie Ping-Pong! Der asphaltierte Radweg führt mich an der Nordseite des Naturschutzgebietes „Steinriegellandschaft zwischen Weikersheim und Elpersheim“ entlang. Wie schon im Tal zwischen Ober- und Unterbalbach ziehen sich hier immer wieder zum Tal hin abfallend Steinriegelbänke den Hang hinab. Dazwischen befinden sich Wiesen, Hecken und einzelne Bäume. Es sieht sehr interessant aus und scheint eine typische Landschaftsform in der Gegend zu sein.

Blick auf die Steinriegel über mir

In Weikersheim verlasse ich das Taubertal und folge einer kleinen Straße in Richtung Laudenbach. Meine Hoffnung, hier einmal auf unbefestigte Wege zu stoßen, muss ich leider beerdigen. Wie schon im Taubertal führt mich auch hier ein ausschließlich asphaltierter Radweg durch das hübsche Tal. Auch hier entdecke ich immer wieder die Steinriegelbänke an den Hängen.

Letzter Blick auf die Steinriegelhänge

Als ich in Haagen durch den Ort wandere, spricht mich eine Familie an, die sich gerade voneinander verabschiedet. Die üblichen Fragen werden gestellt. Wo geht es hin? Wo kommen Sie her? Nach einem kurzen Gespräch laufe ich weiter. Wechselte ich im Taubertal permanent die Flussseite, so ist es in diesem Tal die Bahnlinie, deren Seite ich immer wieder wechseln muss.

Als ich schließlich Niederstetten erreiche, wird mir klar, dass ich mein angepeiltes Etappenziel bei Schrozberg nicht mehr erreichen werde. Es sind bis dorthin noch einmal über 10 km. An sich wäre das machbar, aber ich möchte es unmittelbar nach der Erkrankung nicht übertreiben und spüre meine Füße und Schenkel doch recht deutlich!

Ich beschließe daher, eine Schutzhütte südwestlich von Niederstetten oberhalb der Tallage aufzusuchen. Zuvor muss ich jedoch meine Trinkflasche wieder auffüllen, was ich kurz darauf am Friedhof von Niederstetten erledigen kann. Als ich mich gerade auf einer Parkbank neben dem Friedhof gesetzt habe, ist von weitem bereits ein laut schreiender Mann in der Straße zu hören. Kurz darauf kommt er auch sichtlich alkoholisiert um die Ecke. „Halllloooo, Du Arschloch! Fährst Du mich heim? Halllloooo, Du Arschloch!!!“ Der Mann kommt genau auf mich zu und setzt sich direkt neben mich. „Was bist denn Du für ein Spinner?“, brüllt er mir ins rechte Ohr, und tippt mit seinem Finger gegen meinen Wagen.

Jeder andere wäre wahrscheinlich aufgestanden und gegangen. Wieder andere hätten vielleicht auch Angst bekommen. Und manch einer wäre vielleicht selbst beleidigend geworden. Ich bleibe jedoch sitzen, auch wenn mir der Mann einen Tick zu dicht auf der Pelle sitzt. Ich übergehe die Beleidigungen des Mannes und fange an, ruhig auf den Mann einzugehen. Ich versuche, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, ihn ernst zu nehmen, egal wie er sich nach außen hin präsentiert. Erfahrungsgemäß passiert dann nämlich das, was ich kurz darauf auch bei ihm erlebe: Die Leute werden ruhig! Es ist plötzlich ein normales Gespräch möglich. Und nun ist es auch möglich, Grenzen zu ziehen. Ich erfahre von Tino, dass er ursprünglich aus Oberschwaben kommt, aber nun in Niederstetten wohnt. Er hat früher viel Sport gemacht. Gerade war er bei einem Freund. Er fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, heute Nacht bei ihm zu übernachten. Ich lehne es jedoch ab. Er akzeptiert es. Als er an meiner Hand ein Band mit schwarzen Perlen entdeckt, fängt er an, zu strahlen und zeigt mir stolz seine Armbänder. Sie sehen aus wie meine, nur etwas dickere Perlen. Aus dem beleidigenden, herumbrüllenden Mann ist ein redseliger, ruhiger und gar nicht mehr aggressiver Mensch geworden. Und alles, was dazu notwendig war, war, ihn als Mensch ernst zu nehmen, ihn anzunehmen wie er ist. Ich überlege, wie oft er wohl eine solche Situation erlebt hat. Die Regel wird wohl Ablehnung sein bei seinem Auftritt. Ich sage Tino, dass ich weitergehen muss, und dass ich ihm ein schönes Wochenende wünsche. Ich gebe ihm die Hand, und er hält sie lange fest. “Das wünsche ich dir auch!”, erwidert er. Ich bin keine 300 m weit gekommen, da höre ich ihn hinter mir durch die Straße brüllen. „Markus!! Warte, nimm mich mit!!! Ich will mit!!!“ Ich ignoriere seine Rufe. Wir hatten uns verabschiedet. Jeder geht wieder seiner Wege.

Ich verlasse Niederstetten nach Westen auf einer kleinen Straße. Auf einer Serpentine führt sie mich hinauf auf die Hochebene. Von oben hat man einen tollen Blick ins Tal und auf die Hänge!

Blick zurück. Aus diesem Tal bin ich gekommen

Als ich gerade in einen Feldweg abbiegen möchte, kommt mir ein Auto entgegen. Ein älterer Herr fragt mich, ob ich ein Zelt in dem Packsack transportieren würde. Als ich das bestätige, möchte er wissen, wo ich meine Reise gestartet habe. Ich gebe ihm diese Information, worauf er mir erzählt, dass er in einem kleinen Ort in der Nähe wohnt, und dort gäbe es eine der schönsten Eichen Deutschlands. Die Eiche habe einen Stammdurchmesser von knapp 9 m. Die müsste ich mir unbedingt anschauen! Ich bedanke mich für die Information und notiere mir den Ort.

Über den asphaltierten Feldweg – was auch sonst! – erreiche ich schließlich die Schutzhütte. Da im Inneren kein Platz ist, baue ich mein Zelt daneben auf und fertige schließlich in der Hütte sitzend meinen Bericht an.

Mein Schlafplatz für die Nacht

Ich bin schon sehr auf die Nacht im neuen Schlafsack mit Daunen gespannt. Schön kuschelig fühlt er sich auf jeden Fall an. Doch bevor ich darin zur Ruhe komme, rufe ich Katharina an.

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